Die Adlerwerke 

Die Adlerwerke

Die Adler­wer­ke
Foto: Insti­tut für Stadtgeschichte

Rund 120 Jah­re lang präg­ten die Adler­wer­ke (ehe­mals Hein­rich Kley­er AG) das Leben und Arbei­ten im Frank­fur­ter Gal­lus­vier­tel. Gegrün­det im Jah­re 1880, stell­te man zunächst Fahr­rä­der her. Ab 1900 erwei­ter­te sich die Pro­dukt­pa­let­te: Schreib­ma­schi­nen, Motor­rä­der und Auto­mo­bi­le kamen hin­zu. Wäh­rend des Ers­ten und des Zwei­ten Welt­kriegs fan­den die in Frank­furt am Main her­ge­stell­ten Fahr­zeu­ge, aber auch die zusätz­lich pro­du­zier­ten Rüs­tungs­gü­ter, Ver­wen­dung an den zahl­rei­chen Fron­ten in Europa.

1938 erwei­ter­ten die Adler­wer­ke ihr Fabrik­ge­län­de. Sie über­nah­men die Grund­stü­cke von vier jüdi­schen Unter­neh­mern, die sich zwi­schen Werk I und Werk II in der Kley­er­stra­ße befan­den. Die Adler­wer­ke waren damit Nutz­nie­ßer der „Ari­sie­rungs­po­li­tik“ des NS-Staates.

Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs  waren die Adler­wer­ke eng in die Rüs­tungs­wirt­schaft der NS-Dik­ta­tur ein­ge­bun­den. Sie pro­du­zier­ten vor allem Moto­ren und Fahr­zeug­tei­le für die Wehr­macht. Den durch den Krieg beding­ten Man­gel an Arbeits­kräf­ten ver­such­te die Werks­lei­tung durch die Aus­beu­tung von Zwangsarbeiter*innen aus­zu­glei­chen. Seit 1941 muss­ten zivi­le Zwangsarbeiter*innen und Kriegs­ge­fan­ge­ne im Werk arbeiten.

Die hohen Pro­duk­ti­ons­soll­zah­len für die Wehr­macht bei gleich­zei­ti­gem Man­gel an Arbeits­kräf­ten führ­ten dazu, dass  die Adler­wer­ke auf ihrem Werks­ge­län­de das KZ Katz­bach ein­rich­te­ten. Es war eine Außen­stel­le des KZ-Lager­kom­plex Natz­wei­ler-Strut­hof  im Elsaß. Ins­ge­samt  1616 Per­so­nen aus über acht Län­dern wur­den als KZ-Häft­lin­ge nach Frank­furt gebracht.

Nach der Befrei­ung 1945 wur­de zwar zeit­wei­se gegen Ernst Hage­mei­er, den Gene­ral­di­rek­tor und Haupt­ak­tio­när der Adler­wer­ke, wegen Kriegs­ver­bre­chen ermit­telt, doch bereits 1948 wur­den die Ankla­gen fal­len­ge­las­sen. Ande­re Aktio­nä­re der Adler­wer­ke, wie etwa die Dresd­ner Bank, wie­sen eben­falls jeg­li­che Ver­ant­wor­tung für die Ver­bre­chen von sich.

In den 1950er-Jah­ren lie­fen statt Auto­mo­bi­len Motor­rä­der und Büro­ma­schi­nen in den Adler­wer­ken vom Band. Nach dem Zusam­men­schluss mit dem Nürn­ber­ger Büro­ma­schi­nen­her­stel­ler Tri­umph ende­te die Motor­rad­fer­ti­gung 1957. Mit Pro­duk­ten wie der Schreib­ma­schi­nen­se­rie „Gabrie­le“ erober­te sich Tri­umph-Adler einen hohen Bekannt­heits­grad. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten wech­sel­ten die Fir­men­ei­gen­tü­mer mehr­fach, unter ihnen waren bekann­te Namen wie die Volks­wa­gen­wer­ke und Olivetti.

Mit dem Ver­kauf von Tri­umph-Adler an einen Immo­bi­li­en­in­ves­tor und das Bau­un­ter­neh­men Phil­ipp Holz­mann im Jahr 1993/94 war das Ende der Büro­ma­schi­nen­pro­duk­ti­on im Frank­fur­ter Wes­ten besie­gelt. Auf dem eigent­li­chen Werks­ge­län­de zwi­schen Kley­er­stra­ße und dem Gleis­vor­feld des Frank­fur­ter Haupt­bahn­hofs ent­stan­den in den 1990er-Jah­ren teil­wei­se Neu­bau­ten, die die denk­mal­ge­schütz­ten Back­stein­bau­ten ergän­zen. Woh­nun­gen und Büros für den Dienst­leis­tungs­sek­tor lös­ten die Indus­trie als bis­he­ri­gen Nut­zer ab. Auch das tra­di­ti­ons­rei­che Gal­lus Thea­ter fand hier eine neue Bleibe.

Ab Ende März 2022 wid­met sich der Geschichts­ort Adler­wer­ke der gesam­ten Geschich­te die­ses Ortes.

Am Bei­spiel der Adler­wer­ke lässt sich […] ein­drück­lich zei­gen, dass der Holo­caust und die damit unmit­tel­bar ver­quick­te Zwangs­ar­beit im Zwei­ten Welt­krieg kei­ne abs­trak­ten Gescheh­nis­se waren und auch nicht fern­ab der Öffent­lich­keit statt­fan­den. Viel­mehr spiel­ten sich die Ver­bre­chen im KZ Katz­bach buch­stäb­lich vor der Haus­tür der Frank­fur­ter und Frank­fur­te­rin­nen im Stadt­vier­tel Gal­lus ab.

Prof. Dr. Sybil­le Steinbacher
Fritz Bau­er Institut

 Zwangs­ar­beit in Frankfurt 

In der Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs leb­ten rund 50 000 Kriegs­ge­fan­ge­ne und aus­län­di­sche Zivilarbeiter*innen in Frank­furt. Sie waren im gesam­ten Stadt­bild gegen­wär­tig. Von der Aus­beu­tung der Zwangsarbeiter*innen pro­fi­tier­ten Groß­be­trie­be wie die I.G. Far­ben­in­dus­trie AG oder die Adler­wer­ke, aber auch klei­ne Hand­werks­be­trie­be, Land­wir­te, Pri­vat­haus­hal­te oder die Stadt­ver­wal­tung. Die Unter­brin­gung der Arbeiter*innen war unter­schied­lich: Es gab Lager, die mit Sta­chel­draht umge­ben waren, es gab aber auch Schlaf­stät­ten in Hin­ter­hof­werk­stät­ten, Gast­stät­ten oder Privathäusern.

Neben den „nor­ma­len“ Arbeits­la­gern exis­tier­te im Stadt­teil Hed­dern­heim ein so genann­tes „Arbeits­er­zie­hungs­la­ger“ (AEL). Har­te kör­per­li­che Arbeit, Man­gel­er­näh­rung und Prü­gel­stra­fen präg­ten dort den All­tag; auch meh­re­re Erschie­ßun­gen sind überliefert.

Die von der Wehr­macht erober­ten euro­päi­schen Län­der wur­den als Arbeits­kräf­te­re­ser­voir für das Deut­sche Reich genutzt. Ein gerin­ger Teil der Zivilarbeiter*innen aus dem Aus­land ließ sich anwer­ben, der Groß­teil wur­de – zum Teil in kom­plet­ten Jahr­gän­gen – dienst­ver­pflich­tet oder zur Arbeit nach Deutsch­land ver­schleppt. Die kon­kre­ten Lebens­be­din­gun­gen waren je nach Nati­on, recht­li­chem Sta­tus und Geschlecht unter­schied­lich. Men­schen aus der Sowjet­uni­on und aus Polen wur­den durch Son­der­erlas­se beson­ders dis­kri­mi­niert. Sie durf­ten ihre Lager oft nur zur Arbeit ver­las­sen und muss­ten Kenn­zei­chen auf der Klei­dung tragen.

Zygmunt Swistak: Nachtschicht in den Adlerwerken

Nacht­schicht in den Adlerwerken 
Zeich­nung: Zyg­munt Swistak (*1924)
Über­le­ben­der des KZ Katzbach

Flie­ger­alarm (Aus­schnitt)
Zeich­nung: Zyg­munt Swistak (*1924)
Über­le­ben­der des KZ Katzbach

Eine wei­te­re Grup­pe, die beson­ders schlecht behan­delt wur­de, waren die ita­lie­ni­schen Mili­tär­in­ter­nier­ten (IMIs). Sie gal­ten als „Ver­rä­ter“, nach­dem Ita­li­en im Herbst 1943 mit den Alli­ier­ten einen Waf­fen­still­stand ver­ein­bart hat­te. Sie wur­den nach Deutsch­land ver­schleppt und zur Arbeit gezwungen.

Zwangs­ar­beit in den Adlerwerken

Seit 1941 muss­ten in den Adler­wer­ken Kriegs­ge­fan­ge­ne und aus­län­di­sche Zivilarbeiter*innen arbei­ten. Dar­un­ter befan­den sich vie­le Men­schen aus Russ­land, der Ukrai­ne, aus Frank­reich und aus wei­te­ren Natio­nen. Im Juli 1941 wur­den auf dem Gelän­de zwi­schen Werk I und II Bara­cken für fran­zö­si­sche „Fremd­ar­bei­ter“ errichtet.

Das Are­al war drei Jah­ren zuvor jüdi­schen Unter­neh­mern im Zuge der „Ari­sie­rungs­po­li­tik“ der Natio­nal­so­zia­lis­ten unter mas­si­vem Druck genom­men wor­den. 1942 wuchs das Heer der Zwangsarbeiter*innen in den Adler­wer­ken durch wei­te­re Trans­por­te aus Ost­eu­ro­pa mas­siv an. Auf einem städ­ti­schen Grund­stück an der Frosch­häu­ser Stra­ße in Gries­heim wur­de zur Unter­brin­gung die­ser Men­schen ein Bara­cken­la­ger errich­tet. Unter hygie­nisch kata­stro­pha­len Bedin­gun­gen waren hier rund 2 000 Men­schen untergebracht.

Hier­mit wird nicht nur in der Metro­po­le Frank­furt am Main eine erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Leer­stel­le geschlos­sen, son­dern auch in der hes­si­schen Gedenk­stät­ten­land­schaft. Denn die­se gewinnt mit dem Geschichts­ort Adler­wer­ke einen zen­tra­len Ort der päd­ago­gi­schen und infor­ma­ti­ven Erschlie­ßung des The­mas NS-Zwangs­ar­beit im urba­nen Raum.

Dr. Ann Kat­rin Dueben
Gedenk­stät­te Breitenau

 KZ Katzbach 

Als Pro­du­zent von Moto­ren und Fahr­zeu­gen zähl­ten die Adler­wer­ke für die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­ber zu den kriegs­wich­ti­gen Indus­trie­be­trie­ben. Wie bereits im Ers­ten Welt­krieg fuhr das Frank­fur­ter Werk recht rasch nach dem deut­schen Über­fall auf Polen am 1. Sep­tem­ber 1939 die Pro­duk­ti­on von Rüs­tungs­gü­tern für die Wehr­macht hoch. Mit dem Fort­gang des Krie­ges wur­den immer wei­te­re wehr­fä­hi­ge deut­sche Män­ner ein­ge­zo­gen, die schließ­lich als Arbei­ter fehl­ten. Auch bei den Adler­wer­ken. Ab 1941 beschäf­tig­ten die Adler­wer­ke daher im Sys­tem der Zwangs­ar­beit Kriegs­ge­fan­ge­ne und aus­län­di­sche Zivilarbeiter*innen.

1944 zeich­ne­te sich bereits deut­lich ab, dass das NS-Regime den Zwei­ten Welt­krieg nicht mehr gewin­nen konn­te: Die alli­ier­ten Bom­ber­an­grif­fe auf Frank­furt am Main im März 1944 zähl­ten zu den bis­her stärks­ten ihrer Art. Neben der Innen­stadt und den Gleis­an­la­gen des Frank­fur­ter Haupt­bahn­hofs wur­den auch die Fer­ti­gungs­hal­len der Adler­wer­ke am 22. März 1944 schwer getrof­fen. Die Adler­wer­ke ver­such­ten schnellst­mög­lich ihre Pro­duk­ti­on wie­der fort­zu­set­zen und ver­la­ger­ten Tei­le aus Frank­furt her­aus. Vor Ort blieb aber die Pro­duk­ti­on von Zug­kraft­wa­gen für die Wehr­macht. Um den Man­gel an Arbeits­kräf­ten aus­zu­glei­chen wur­de der Werks­lei­tung ermög­licht, KZ-Häft­lin­ge als bil­li­ge Arbeits­kräf­te ein­zu­set­zen. Am 22. August 1944 kamen die ers­ten 200 KZ-Häft­lin­ge aus dem KZ Buchen­wald. Sie wur­de im drit­ten und vier­ten Stock­werk des Fabrik­ge­bäu­des an der Weil­bur­ger Stra­ße unter­ge­bracht. Für wei­te­re 1000 fuhr der Arbeits­ein­satz­in­ge­nieur der Adler­wer­ke in das KZ Dach­au, um KZ-Häft­lin­ge für Frank­furt auszuwählen.

Trans­port­lis­te (Aus­schnitt)
Foto: Arol­sen Archives

Dem KZ-Außen­la­ger Katz­bach wur­de der Tarn­na­me „Katz­bach“ gege­ben. Er nimmt Bezug auf das ent­schlos­se­ne Vor­ge­hen des preu­ßi­schen Gene­rals Blü­cher („wie Blü­cher an der Katz­bach“) in der Schlacht an der schle­si­schen Katz­bach 1813. Das Lager Katz­bach war eines von über 50 Außen­stel­len des KZ-Kom­ple­xes Natz­wei­ler-Strut­hof. Des­sen Außen­la­ger­sys­tem erstreck­te sich von Elsass und Loth­rin­gen über das heu­ti­ge Baden-Würt­tem­berg, Hes­sen und Rheinland-Pfalz.

Ins­ge­samt wur­den min­des­tens 1 616 Häft­lin­ge in das KZ Katz­bach ver­schleppt. Der größ­te Teil der Män­ner stamm­te aus Polen und wur­de wäh­rend des War­schau­er Auf­stands fest­ge­nom­men und anschlie­ßend in die deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­schleppt. Wei­te­re Gefan­ge­ne stamm­ten aus der Sowjet­uni­on, Deutsch­land, Öster­reich, Jugo­sla­wi­en, Frank­reich und der Tsche­cho­slo­wa­kei. Sie muss­ten in Frank­furt unter sich rasch ver­schlech­tern­den Bedin­gun­gen für die Adler­wer­ke arbei­ten. Ein Drit­tel der Häft­lin­ge starb in Frank­furt, wei­te­re nach den Ver­le­gun­gen in ande­re Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger oder auf Todesmärschen.

Die KZ-Häft­lin­ge arbei­te­ten vor allem in der Pro­duk­ti­on von Zug­kraft­wa­gen, einem Hybrid­fahr­zeug aus Last­kraft­wa­gen und Pan­zern. Das täg­li­che Arbeits­pen­sum betrug elf bis zwölf Stun­den. Die Arbeit an den Maschi­nen war kräf­te­zeh­rend, beson­ders für die ohne­hin aus­ge­zehr­ten Häft­lin­ge, die unter man­geln­der Hygie­ne lit­ten und durch feh­len­de Nah­rungs­mit­tel sowie die stän­di­ge Gewalt­aus­übung der SS zer­mürbt wur­den. Ech­te oder auch nur ver­mu­te­te Sabo­ta­ge­ver­su­che wur­den mit dem Tode bestraft, eben­so Flucht­ver­su­che. 37 Aus­bruchs­ver­su­che sind doku­men­tiert, dar­un­ter die geschei­ter­te Flucht durch Adam Golub und Geor­gi Lebe­den­ko. Bei­de wur­den auf­ge­grif­fen und auf offe­ner Stra­ße erschossen.

Die Gewalt der SS-Wach­män­ner präg­te den All­tag im KZ Katz­bach. Für kleins­te „Ver­ge­hen“ wie zer­bro­che­ne Essens­näp­fe, schmut­zi­ge Klei­dung oder für zu lang­sa­mes Arbei­ten wur­den har­te Stra­fen voll­streckt: Prü­gel mit Stö­cken und Peit­schen, aber auch mit Gewehr­kol­ben waren an der Tagesordnung.

Anfang März 1945 leg­ten Bom­ben­an­grif­fe die Pro­duk­ti­on in den Adler­wer­ken weit­ge­hend lahm. Über 500 mar­sch­un­fä­hi­ge Häft­lin­ge wur­den am 16. März 1945 in einen Güter­zug gepfercht. Den Ziel­ort Ber­gen-Bel­sen erreich­ten ledig­lich acht Men­schen lebend. Am 24. März wur­de in einem zwei­ten Schritt das KZ-Außen­la­ger Katz­bach end­gül­tig auf­ge­löst. Etwa 350 Häft­lin­ge wur­den von der SS ent­lang der Reichs­stra­ße 40 in das über 120 Kilo­me­ter nord­öst­lich gele­ge­ne hes­si­sche Hün­feld getrie­ben. Von dort aus ging es in Güter­wag­gons wei­ter in das KZ Buchen­wald. Nach einer wei­te­ren „Eva­ku­ie­rung“ Rich­tung KZ Dach­au wur­den schließ­lich am 29. April 1945 von der US-Armee knapp 40 über­le­ben­de   Häft­lin­ge befreit.

Die Ver­ant­wort­li­chen wer­den juris­tisch nicht belangt

Der Lager­kom­man­dant Erich Franz bestritt nach dem Krieg jeg­li­che Ver­ant­wor­tung für Hin­rich­tun­gen im KZ Katz­bach. Meh­re­re Ver­fah­ren wur­den ein­ge­stellt, und Franz starb im Jahr 1985 unbe­hel­ligt als frei­er Mann. Ande­re SS-Män­ner der Wach­mann­schaft im KZ Katz­bach ent­gin­gen ihrer Bestra­fung eben­falls. Auch auf der Unter­neh­mens­sei­te wur­de nie­mand juris­tisch belangt: Weder für Gene­ral­di­rek­tor Ernst Hage­mei­er noch für Carl Goe­tz, Vor­stands­spre­cher der Dresd­ner Bank und Vor­sit­zen­der des Auf­sichts­rats der Adler­wer­ke, bedeu­te­ten die Ver­stri­ckun­gen in das Sys­tem der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und der Zwangs­ar­beit einen ernst­haf­ten Karriereknick.

Was lan­ge als „Arbeits­la­ger“ schön gere­det wur­de, war eine Mord­stät­te: Das KZ Katz­bach hat­te die höchs­te Sterb­lich­keit unter den 28 KZ in Hes­sen, die Todes­ra­te in den Frank­fur­ter Adler-Wer­ken gehör­te im Janu­ar 1945 zur höchs­ten im gesam­ten KZ-Sys­tem. Die Täter blie­ben unbe­straft. Die Gedenk­ta­fel, die anläss­lich des Besuchs von neun Über­le­ben­den 1993 ent­hüllt wur­de, wäre ein Zynis­mus, wenn der Mord­op­fer nicht in einer Gedenk­stät­te am authen­ti­schen Ort ange­mes­sen gedacht wür­de. Es wäre auch der rich­ti­ge Ort, an die Zwangs­ar­beit, die Juden­ver­fol­gung und den Ras­sis­mus gegen Polen u. a. im Rah­men der Stadt­ge­schich­te zu erin­nern und über den All­tag im Drit­ten Reich aufzuklären.

Prof. Dr. Wolf­gang Benz

 Der Geschichts­ort entsteht 

Mahn­gang
Foto: LAGG e.V.

Bereits Ende der 1970er Jah­re erin­ner­te eine Demons­tra­ti­on durch das Gal­lus­vier­tel an die KZ-Geschich­te. Sie ende­te vor den Adler­wer­ken mit der Anbrin­gung einer pro­vi­so­ri­schen Gedenktafel.

Seit Anfang der 1990er Jah­re stell­ten Initia­ti­ven und Über­le­ben­de regel­mä­ßig For­de­run­gen nach einem dau­er­haf­ten Gedenk­ort. Zu den wich­ti­gen Akteu­ren zäh­len die ehe­ma­li­gen Betriebs­rä­te der Adler­wer­ke, der Ver­ein „Leben und Arbei­ten in Gries­heim und Gal­lus“ (LAGG), die Clau­dy-Stif­tung, Gewerk­schaf­ten, „Zei­chen der Hoff­nung“, die Geschichts­werk­statt und zuletzt der För­der­ver­ein für die Errich­tung einer Gedenk- und Bil­dungs­stät­te KZ-Katz­bach/Ad­ler­wer­ke. Dar­über hin­aus wur­de in meh­re­ren Kunst­ak­tio­nen im öffent­li­chen Raum auf das KZ Katz­bach auf­merk­sam gemacht.

Ohne die­ses zivil­ge­sell­schaft­li­che Enga­ge­ment wäre der Ort in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Von gro­ßer Bedeu­tung war die Arbeit der Leh­rer Ernst Kai­ser und Micha­el Knorn. Ihr Buch „Wir leb­ten und schlie­fen zwi­schen den Toten“, her­vor­ge­gan­gen aus einem Schü­ler­pro­jekt, war lan­ge das ein­zi­ge Grund­la­gen­werk für das KZ Katzbach.

Ein For­schungs­auf­trag des Dezer­na­tes für Kul­tur und Wis­sen­schaft an das Fritz Bau­er Insti­tut führ­te zu dem aktu­el­len Buch „Katz­bach – das KZ in der Stadt“ von Dr. Andrea Rudorff. Mit der Aus­wer­tung neu­er Quel­len ergänzt sie die Grund­la­gen­for­schung von Ernst Kai­ser und Micha­el Knorrn.

Das Dezer­nat für Kul­tur und Wis­sen­schaft der Stadt Frank­furt för­der­te zudem das Koope­ra­ti­ons­pro­jekt zwi­schen dem „För­der­ver­ein für die Errich­tung einer Gedenk- und Bil­dungs­stät­te KZ-Katz­bach in den Adler­wer­ken und zur Zwangs­ar­beit in Frank­furt am Main“ und dem Stu­di­en­kreis Deut­scher Wider­stand 1933–1945 für die Ein­rich­tung einer Gedenk- und Bil­dungs­stät­te zum KZ Katz­bach und zur Zwangs­ar­beit in Frankfurt.

Anfang 2021 begann damit die Ent­wick­lung des „Geschichts­ort Adler­wer­ke: Fabrik – Zwangs­ar­beit – Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger“. Eine par­ti­zi­pa­ti­ve und moder­ne Aus­stel­lung wid­met sich den his­to­ri­schen Gescheh­nis­sen und ist anschluss­fä­hig für viel­fäl­ti­ge päd­ago­gi­sche Pro­jek­te und The­men der his­to­ri­schen und poli­ti­schen Bildung.

Geden­kak­ti­on 2015
Foto: LAGG e.V.

Sta­tio­nen auf dem Weg zum Geschichts­ort Adlerwerke

 Juli 2021 

Aus­stel­lungs-Pitch

Die am Wett­be­werb zur gra­fi­schen Gestal­tung des Geschichts­ort Adler­wer­ke betei­lig­ten Agen­tu­ren stel­len Ihre Über­le­gun­gen und Ent­wür­fe vor. Am Ende gewinnt der Ent­wurf von Form Fel­lows Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign / Sie­ve­king von Borck.

 Juli 2021 

Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung „Wir schrei­ben Geschichte“

Unter dem Titel „Wir schrei­ben Geschich­te. Leben, Arbeit und Poli­tik im Gal­lus“ fand am  8. Juli 2021 eine digi­ta­le Infor­ma­ti­ons- und Aus­tausch­ver­an­stal­tung zur Geschich­te des Stadt­teils Gal­lus statt: Wo fin­den sich his­to­ri­sche Spu­ren vom Woh­nen und Arbei­ten im Stadt­teil in der Zeit vor 1930, in der NS-Zeit, in der Zeit der „Gast­ar­bei­ter“ und in der Zeit nach 1989? Eine Ver­an­stal­tung des Amtes für mul­ti­kul­tu­rel­le Ange­le­gen­hei­ten (AmkA) in Zusam­men­ar­beit mit dem Stu­di­en­kreis Deut­scher Wider­stand 1933–1945 und dem För­der­ver­ein KZ-Katz­bach/Ad­ler­wer­ke.

 Okto­ber 2021 

Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen

Die Mit­glie­der des Stu­di­en­krei­ses Deut­scher Wider­stand 1933–1945 und des För­der­ver­eins KZ-Katz­bach/Ad­ler­wer­ke beschlie­ßen auf Ihren Mit­glie­der­ver­samm­lun­gen die Struk­tu­ren des Geschichts­ort Adlerwerke.

 Dezem­ber 2021 

Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung

Mit der Unter­zeich­nung einer Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung durch den Stu­di­en­kreis Deut­scher Wider­stand 1933–1945, dem För­der­ver­ein KZ-Katz­bach/Ad­ler­wer­ke und dem Dezer­nat für Kul­tur und Wis­sen­schaft sind die orga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren für den Betrieb des Geschichts­ort Adler­wer­ke gelegt.

 Dezem­ber 2021 

Beginn der Spendenkampagne

Mit dem ehe­ma­li­gen Frank­fur­ter Ober­bür­ger­meis­ter Andre­as von Schoe­ler star­ten die Projektpartner*innen eine Spen­den­kam­pa­gne für Ent­wick­lung und Betrieb des Geschichts­ort Adler­wer­ke. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen im Video.

Janu­ar 2022

Sym­bo­li­sche Schlüsselübergabe

Am 26. Janu­ar 2022, wur­den durch die Kul­tur­de­zer­nen­tin Dr. Ina Hart­wig die Schlüs­sel für die Räum­lich­kei­ten an den Stu­di­en­kreis und den För­der­ver­ein über­ge­ben. Im Rah­men des­sen fand eine Pres­se­kon­fe­renz für inter­es­sier­te Journalist*innen statt.

 

Febru­ar 2022

Ein­bli­cke in die Ausstellung

Noch ist kaum etwas zu sehen, doch in den nächs­ten Wochen wird hier die Aus­stel­lung des Geschichts­ort Adler­wer­ke aufgebaut.

März  2022

Ein­bli­cke in die Ausstellung

Eine Woche vor der Eröff­nung wird noch flei­ßig in den Räum­lich­kei­ten des Geschichts­ort Adler­wer­ke gear­bei­tet. Die Tape­zie­run­gen sind fer­tig, die Beleuch­tung ist ange­bracht und der Medi­en­tisch ist angekommen.